FC Linth 04 vs. FC St. Gallen 1879

FC Linth 04 4 5 nE FC St. Gallen 1879
17/09/2017 - 14:00
Lintharena, Näfels
1/16-Final - Helvetia Schweizer Cup

Heldenhafter FC Linth 04 – St. Gallen nur im Elfmeterschiessen besser

Die Amateure des FC Linth 04 treten gegen den fünf Klassen höher spielenden FC St. Gallen wie Profis auf, lassen sich von einem frühen Rückstand nicht aus dem Konzept bringen, können mit einem der wenigen Angriffe sogar ausgleichen und bis zuletzt auf den Coup hoffen.

von Ruedi Gubser (Text) und Köbi Hefti (Bilder)

Haarscharf hat Linth 04 im Schweizer Cup die grosse Sensation verpasst. Am Schluss fehlten ein paar Zentimeter beim Schuss von Amar Sabanovic, die das Elfmeterschiessen verlängert hätten, oder etwas Härte beim Abschlussversuch von Filip Brezina in der 119. Minute, der St. Gallens Torhüter Dejan Stojanovic einige Mühe bereitete. «Mit einem Sieg wäre ein Traum in Erfüllung gegangen. Aber es war auch so ein tolles Erlebnis», meinte Guido Bischofberger. Der Mittelfeldspieler von Linth hatte seine Ferien in den USA früher beendet, um bei diesem Highlight dabei zu sein. Da er die letzten drei Wochen gefehlt hatte, durfte er nicht damit rechnen, bereits von Beginn an zu spielen. In der 81. Minute kam er zu seinem Einsatz, der dank der Verlängerung dann doch 50 Minuten dauerte. Nicht im Traum an ein derart langes und spannendes Spiel gedacht hatte Linths Trainer Roland Schwegler. «Ich rechnete damit, dass wir nach 90 Minuten gewinnen», spasste er. Selten war ein Trainer nach einer Niederlage derart gut aufgelegt. «Die Mannschaft hat sensationell gespielt. Sie darf stolz sein auf das Geleistete. Für mich sind alle Helden», lobte Schwegler sein Team und sprach immer wieder den «Riesenunterschied» zwischen den St. Gallern und seinem Team an. «Die trainieren zweimal am Tag, wir dreimal in der Woche.» Schwer beeindruckt war Schwegler, wie seine Spieler bei den physisch starken St. Galler dagegengehalten haben. «Und das 120 Minuten lang. Das war eine super Leistung.»


Pure Freude: Das Unglaubliche wird wahr – Linth 04 schafft den Ausgleich.

 

«Meine Leute haben sensationell gespielt. Für mich sind sie alle Helden.»
Roland Schwegler, Trainer FC Linth 04

Beeindruckend war auch, wie die Glarner nach dem frühen Rückstand (14., Aleksic) ruhig Blut bewahrten, konzentriert weiterspielten und nicht auseinanderfielen. «Das war wichtig. Darauf habe ich im Vorfeld immer wieder hingewiesen. Die grosse Gefahr besteht beim Unterklassigen darin, dass er gegen eine Profimannschaft zwar damit rechnen muss, Tore zu kassieren, aber nach einem Gegentor dann trotzdem den Faden verliert und gleich weitere Tore hinnehmen muss. Das ist uns nicht passiert», so Schwegler. Die Glarner hatten bis zum Ende der Verlängerung überhaupt keinen Gegentreffer mehr zu verarbeiten. Das lag daran, dass sie ihrer Linie treu blieben, sich weitestgehend auf die Defensivarbeit konzentrierten, sich hier auf ihre ausgezeichnete Organisation verliessen und ihr Glück mit schnellen, aber raren Kontern versuchten. «Es hätten durchaus ein paar Gegenstösse mehr sein dürfen», meinte Roland Schwegler, «aber gegen die körperlich sehr robuste Abwehr von St. Gallen lag nicht mehr drin.» Aus dem guten und engagierten Ensemble Schweglers ragte aber einer nicht nur wegen seiner Körpergrösse von 1,96Meter heraus. Torhüter Danko Savanovic trieb die St. Galler mit seinen Paraden zur Verzweiflung. Der auf diese Saison verpflichtete Goalie machte ein halbes Dutzend hochkarätige St. Galler Chancen, teilweise spektakulär, zunichte. Die grössten Taten lieferte er gegen Ajeti (9., 101.), Aleksic (31., 42.), Aratore (64.) und Wiss (110.) ab. Und als Savanovic einmal ausgespielt wurde, traf Aratore das leere Tore nicht (79.). Was dem 24-jährigen Torhüter am Schluss fehlte, war die Krönung seiner ausgezeichneten Leistung – er wurde nicht zum Penaltyhelden. Tafer, Aratore, Aleksic und Ajetis Schüsse waren zu platziert, und Buess traf den Pfosten. «St. Gallen übt das wohl mehr» Nach der Entscheidung lag Savanovic lange regungslos am Boden, um die erste Enttäuschung zu verarbeiten. Nach ein paar Minuten konnte aber auch er sich über die tolle Leistung seines Teams und von sich freuen. «Es ist ein riesiges Erlebnis, gegen einen Verein aus der höchsten Liga zu spielen, und es erfüllt einen mit grosser Freude, wenn man diesem Paroli bieten kann. Wir spielten noch besser als gegen Wohlen», sagt Danko Savanovic – und schiebt nach: «Schade, dass wir im Elfmeterschiessen nicht reüssierten.» Ans Scheitern in dieser Kurzentscheidung verschwendete Roland Schwegler keine Gedanken. «Die St. Galler üben das wohl auch mehr als wir.»


Mit vollem Einsatz: Der Mann des Spiels, Torhüter Danko Savanovic, und Daniel Feldmann stoppen Albian Ajeti gemeinsam.

 

Linth begann gestern gegen St. Gallen ähnlich wie gegen Wohlen: Vorsichtig, abwartend und sehr auf die Organisation in der Abwehr achtend und dem Gegner das Spieldiktat überlassend. Es dauerte 28 Minuten, bis die Glarner den ersten Abschlussversuch verzeichneten. Sabanovic’ Warnschuss war dann gleichzeitig so etwas wie der Startschuss für Offensivaktionen. Bis zur Pause versuchten sich auch Pavel Stefl (33., 40.) und Yves Sanchez (35.) im Toreschiessen. Stefl verpasste dabei mit seiner Direktabnahme nach einem Eckball den Ausgleich knapp. Diesen realisierte Yves Sanchez kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit nach einem Durcheinander in der St. Galler Abwehr und einer hartnäckigen Balleroberung von Sabanovic. Es sollte für lange Zeit (bis gegen Ende der Verlängerung) die letzte Szene von Linth in Tornähe der St. Galler gewesen sein. Der Ausgleichstreffer veranlasste den Super-League-Verein wieder zu mehr Engagement. Die Kreativität liess er aber weiterhin vermissen. Die oft stereotyp vorgetragenen Angriffe stellte die gross gewachsene Innenverteidigung der Glarner vor keine grossen Probleme, und so überstand Linth auch die Schlussoffensive St. Gallens vor Ablauf der regulären Spielzeit schadlos. St. Gallens Trainer Giorgio Contini bemängelte nach dem glücklichen Weiterkommen in die nächste Cuprunde nicht etwa die Chancenauswertung, sondern die mangelhafte Einstellung seiner Spieler. «Wir liefen zu wenig, hatten kein Tempo in unserem Spiel, sondern machten alles viel zu langsam und zu pomadig.» Bei St. Gallen gab es auch Spieler,die gar nichts machten. Ben Khalifa war bis auf einen Abschlussversuch inexistent und wurde nach gut einer Stunde ausgewechselt. Ebenso wenig zu sehen war Kukuruzovic. Nach einer zweiten Gelben Karte nahm sich dieser nach 99 Minuten gleich selbst aus dem Spiel. Linth 04 hat eine weitere Cup-Sensation knapp nicht geschafft. Dieses Spiel gegen St. Gallen wird aber so oder so in die Geschichte des Vereins eingehen.

 

SPIELTELEGRAMM:

Linth 04 – St. Gallen 1-1 (0-1); 4-5 nE
Lintharena, Näfels – 3050 Zuschauer – SR: Dudic
Tore: 1-0 (14. Aleksic), 1-1 (49. Sanchez) – Penaltyschiessen: 2-1 (Feldmann), 2-2 (Tafer), 2-2 (Hren – Stojanovic hält), 2-2 (Buess – Pfosten), 2-2 (Sabanovic – Stojanovic lenkt an Pfosten), 2-3 (Aratore), 3-3 (Carava), 3-4 (Aleksic), 4-4 (Brezina), 4-5 (Albian Ajeti)

FC Linth 04: Savanovic; Hauer, Stefl, Feldmann, Hren; Ismaili (76. Antoniazzi), Carava, Brezina, Sanchez (68. Gössi); Sabanovic, Pizzi (81. Bischofberger)
FC St. Gallen 1879: Stojanovic; Koch, Hefti, Musavu-King (75. Gönitzer), Lüchinger; Aleksic, Wiss (120. Tafer), Kukuruzovic, Aratore; Albian Ajeti, Ben Khalifa (65. Buess)

Bemerkungen: Linth 04 komplett; St. Gallen ohne Barnetta, Adonis Ajeti, Tschernegg und Toko (alle verletzt) und Haggui (nicht im Aufgebot)
Verwarnungen: 27. Ajeti, 54. Pizzi, 60. Musavu-King, 71. Sabanovic, 81. Wiss, 84. Aleksic, 87. Carava, 111. Ajeti (alle wegen Fouls), 99. Gelb-Rote Karte gegen Kukuruzovic (Hands), 31. Tor von Ajeti nach Foul an Savanovic aberkannt, 51. Tor von Pizzi wegen Abseits aberkannt

 

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